Schnelles Denken, langsames Denken – eine Erklärung von Fehlurteilen

Alle folgenden Bilder (einschl. der entsprechenden Fragen) haben eine Gemeinsamkeit…

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Sind die beiden Pfeile gleich lang?

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Sind die Männer unterschiedlich groß?

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Ist eine solche Figur aus Würfeln möglich?

…Sie haben uns „auf‘s Glatteis geführt“, intuitiv geben wir eine Antwort, die nicht stimmt (es sei denn, wir kennen die Beispiele schon). Warum aber glauben wir zunächst, dass die beiden Pfeile ungleich lang sind? Warum sehen die Männer für uns zunächst unterschiedlich groß aus? Warum stören wir uns zunächst nicht an den Würfeln?

Offensichtlich funktioniert unser „Denken“ hier nicht immer zuverlässig und kann sich täuschen lassen.

Aber wie funktioniert eigentlich unser Denken, wie gehen wir mit verschiedenen Problemen um? Zwei einleitende Beispiele sollen hier zunächst einmal zur Verdeutlichung helfen:

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Intuitiv sind uns bei diesem Bild sofort ein paar Dinge klar. Neben den Äußerlichkeiten, die eindeutig einen wütenden Mann mittleren Alters zeigen, fällt ebenso auf, dass es ein sehr gut gekleideter Mensch mit Smartphone in der Hand ist, was uns sofort Rückschlüsse auf das Leben des Mannes schließen lässt (sein Job, ob er eine Familie hat, …).

Wir verstehen aber sofort auch noch mehr als die reinen Äußerlichkeiten: Wir erwarten, dass der Mann gleich brüllen wird. Selbst wenn er gleich sein Handy wegwerfen wird, wären wir nicht überrascht.

Hier muss nicht lange nachgedacht werden, die Beschreibung der Erkenntnisse kamen spontan. Wie sieht es im Vergleich dazu mit folgender Aufgabe aus?

Stimmt folgende Aussage?

17 x 24 = 426

Vermutlich haben hier manche auch sofort ein Gefühl (und zwar kein positives, weil es um Mathematik geht), aber normalerweise muss man sich hier sehr anstrengen, um eine Antwort zu erhalten (wenn man es im Kopf ausrechnet und nicht mit einem Taschenrechner). Es dauert auch entscheidend länger, bis man zu dem Schluss kommt, dass 17 x 24 = 408 ist und nicht 426.

Diese beiden unterschiedlichen Denkweisen lassen sich als „intuitives Verständnis“ und „bewusstes Nachdenken“ unterscheiden.

Der Psychologe Daniel Kahneman definiert diese beiden Denkweisen etwas abstrakter als „System 1“ und „System 2“. Der Begriff „System“ ist dabei ein wenig missverständlich, er leitet auch eventuell in die Irre, da es natürlich keine zwei getrennten Systeme gibt, die während unseres Denkens jeweils arbeiten. Natürlich gibt es keine strikten Schranken und Trennungen, sondern es kann zu Überlappungen kommen. Jedoch sind diese Begriffe weit verbreitet und helfen gut, unser Denkverhalten zu erklären. Die folgende Tabelle gibt wesentliche Eigenschaften und Merkmale an:

„intuitives Verständnis“ „bewusstes Nachdenken“
arbeitet permanent, ohne willentliche Steuerung erfordert Konzentration und Aufmerksamkeit
automatisch, schnell, instinktiv langsam, logisch
Beispiele:

Fahrrad fahren auf einer leeren Straße.

 

2+2 = ?

Beispiele:

Den Buchstaben a in diesem Text zählen.

Eine Mathematik-Arbeit schreiben.

„schnelles Denken“ „langsames Denken“
System 1 System 2

Dieses „getrennte Denken“ ist für den Menschen sehr hilfreich, weil sich damit der Aufwand reduzieren lässt, da das stets aktive System 1 „im Hintergrund“ problemlos laufen kann. In der Regel funktioniert diese Trennung (und damit System 1) auch gut. Wir müssen beispielsweise beim Fahrradfahren nicht ständig darüber nachdenken, was zu tun ist, wir können schnell auf neue Situationen reagieren (ohne das konzentrationsfordernde System 2 „einschalten“ zu müssen).

Kahnemans Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ fasst mehrere Jahrzehnte seiner Arbeit und Forschung zusammen und zeigt seine oft gemeinsame Arbeit mit Amos Tversky und deren durchgeführten Experimente. Die zentrale Idee ist eben diese Unterscheidung der zwei Systeme unseres Denkens: das schnelle, intuitive, emotionale System 1 und das langsamere, Dinge durchdenkende, logische System 2. Das Buch erschien erstmals am 25. Oktober 2011 als englischsprachige Originalausgabe unter dem Titel „Thinking, Fast and Slow“, worauf die deutsche Übersetzung im Mai 2012 folgte.

 Fehlurteile und Fehlsteuerungen

Über viele Jahre hatte sich Daniel Kahneman gemeinsam mit seinem Partner Amos Tversky auch mit menschlichen Trugschlüssen, Fehlentscheidungen und irregeführten Urteilen beschäftigt. Einfache Beispiele dafür sind die eingangs gezeigten optische Täuschungen. Die beiden hatten aber auch eine Vielzahl anderer Phänomene beschrieben.

Priming und Anker

Viele von den Ergebnissen und Erkenntnissen Kahnemans scheinen so offensichtlich und klar. Sein großer Erfolg bestand aber darin, dass zu allen Ergebnissen immer auch umfangreiche Experimente durchgeführt worden sind. Oft haben Kahneman und sein Partner Tversky diese Experimente beim gemeinsamen Mittagessen ausgetüftelt, das sich dann öfter auch über mehrere Gänge hingezogen hat. Überhaupt begann beim gemeinsamen Essen ihre Zusammenarbeit, nämlich im Cafe Rimon, einem Bistro, in dem es vor allem kleine Speisen und Snacks für zwischendurch gab.

Den Effekt des Priming beschreibt Kahneman durch folgendes kleines Experiment: Das englische Wort „so_p“ soll im dritten Buchstaben ergänzt werden.

Nun müssten die allermeisten Leser hier eigentlich sofort soup (für Suppe) ergänzt haben – und zwar durch folgenden Trick: Im vorherigen Absatz ist ein verwandtes Wortfeld eingeführt worden, nämlich das des (Mittag-)Essens durch die umfangreiche Beschreibung der Treffen von Kahneman und Tversky. So ist eine „Vorprägung“ (=„Prime“) entstanden, die dann in der Regel zu verwandten Ergebnissen, in diesem Fall zur Suppe, führt. Nach Kahnemans Idee hat hier System 1 eine schnelle Lösung parat gehabt, weil das verwandte Begriffsfeld erst kürzlich benutzt worden ist. Viel weniger Menschen sollten stattdessen hier beispielsweise soap (für Seife) ergänzt haben.

Ein anderes, sicher auch in der Zukunft nutzbares Beispiel, sind sogenannte „Anker“, mit denen ebenfalls Vorprägungen erzielt werden.

In Kurzform funktioniert das bei Verhandlungen beispielsweise folgendermaßen: Wenn man mit einem auch völlig unrealistischen Wert in die Verhandlungen geht, kann man leichter ein für sich positives Ergebnis erzielen (man muss nur sicher sein, dass die andere Partei nicht einfach die Verhandlung abbricht).

Um also z.B. ein höheres Taschengeld zu bekommen, ist man erfolgreicher, wenn man mit einer überzogenen Forderung startet (100 Euro mehr pro Monat) als mit einer eventuell realistischeren (15 Euro mehr). Man „verankert“ bei seinem Gegenüber den hohen Wert. Der Verhandlungspartner wird sich gut fühlen, wenn er ein Ergebnis realisiert, das weit weg ist von der eigenen Forderung. Im Hinterkopf behält das Gegenüber nämlich immer die ursprüngliche Forderung und ist daher eher gewillt eine Art Mittelwert zu finden (der natürlich weniger ist, als die vorher gestellte Forderung, aber eben immer noch deutlich über den z.B. 15 Euro).

Überhaupt wird dieser Effekt sehr umfassend in der Wirtschaft genutzt: In jedem Geschäft sind die Waren immer mit 9,99 Euro angepriesen (nie mit 10 Euro) und suggerieren damit einen vergleichsweise billigen, einstelligen Preis.

Dass man hier aber auch erschreckenden Fehlsteuerungen unterliegen kann, beschreibt Kahneman in einem anderen Experiment:

Richter haben vor Verhandlung wegen Ladendiebstahls mit einem gewöhnlichen Würfel eine zufällige Zahl erwürfelt. Die Ladendiebe sind dann aber systematisch zu höheren Strafen verurteilt worden, wenn die gewürfelte Zahl jeweils entsprechend höher war.

Kognitive Leichtigkeit

Diese Anker und „Primes“ sind ein Beispiel für etwas, das Kahneman als „kognitive Leichtigkeit“ bezeichnet. In einem solchen Zustand werden die Aufgaben durch System 1 schnell erledigt, wir müssen uns nicht anstrengen, Antworten fallen uns sofort ein. Diesen Zustand ziehen wir immer dem anstrengenderen Zustand des aktiven Nachdenkens (System 2) vor.

 

Kognitive Leichtigkeit kann entsprechend der Abbildung auch durch andere Voraussetzungen erzeugt werden.

„Wiederholte Erfahrung“ ist die Grundlage von Werbung. Wir werden regelmäßig mit Aussagen über Produkte überschwemmt. Wenn es dann um die konkrete Kaufentscheidung geht, hat die sich ständig wiederholende Werbung den Weg zum Kauf eines bestimmten Produktes festgelegt. In unserem Denkverhalten hat sie den Eindruck hinterlassen, wir würden dieses Produkt – aufgrund der permanenten Wiederholungen – schon kennen. So ist man eher gewillt das Produkt zu kaufen, da man sich auf seine Erfahrungen (wenn auch nur aus der Werbung) gerne verlässt.

Dieses Verhalten lässt sich aber auch negativ nutzen: Menschen glauben oft auch falsche Aussagen, wenn diese häufig wiederholt wurden. Vertrautheit lässt sich oft nicht leicht von Wahrheit unterscheiden! Dieses Vorgehen wird in den USA gerade sehr umfangreich genutzt, z.B.  beim Leugnen des Klimawandels durch die aktuelle amerikanische Regierung: Diese kommuniziert immer wieder, dass der menschengemachte Klimawandel nicht bewiesen ist und in Folge glauben mehr und mehr Amerikaner diese Aussage. Ganz bewusst wird so manipuliert und darauf gesetzt, dass Vertrautheit stärker ist als Wahrheit, selbst wenn Vertrautheit nur durch falsche, „alternative Fakten“ erzeugt wird.

Auch durch eine „klare Darstellung“ kann kognitive Leichtigkeit erzeugt werden. Auch hier greift die Werbung dieses Phänomen wieder auf, mithilfe von großen Buchstaben und einfachen Aussagen. Ziel ist es auch hier wieder, dass wir die entsprechenden Aussagen leichter aufnehmen, vertraut mit ihnen werden und sie dann bei der nächsten Kaufentscheidung „intuitiv“ mitberücksichtigen.

Voreilige Schlussfolgerungen

Insgesamt ist System 1 für Kahneman daher auch „eine Maschine für voreilige Schlussfolgerungen“. Er bietet dazu eine Vielzahl von Kategorien an, in denen diese Fehlfunktion ablaufen kann:

Wir neigen dazu „Aussagen zu glauben und eigene Erwartungen bestätigt zu sehen“. Bei Aussagen würden wir zunächst versuchen, diese zu glauben, solange sie unseren Erwartungen entsprechen und wir sie vielleicht auf alte Erfahrungen zurückführen können. Etwas pointiert bemerkt Kahneman, dass der „Mensch nicht gewohnt ist, scharf nachzudenken“.

Ein anderer Effekt hat auch für Schüler viel größere Auswirkungen: Kahneman beschreibt von sich selber, wie er bei sich beobachtete, dass die Bewertung seiner Studentenarbeiten sehr stark davon geprägt war, wie jeweils die erste Aufgabe bewertet worden ist. Er hatte hier die jeweiligen Arbeiten der Studenten eine nach der anderen korrigiert. War dabei die erste Aufgabe gut bewertet worden, war in der Regel die Bewertung für die folgenden Aufgaben ähnlich gut. Diesen Effekt nennt er „Halo-Effekt“. Als Schüler sollte man sich also zukünftig bei der ersten Aufgabe besonders anstrengen; denn warum sollte es bei der Bewertung in der Schule objektiver zugehen als bei einem Nobelpreisträger?

Auch für unsere Wahrnehmung ist dieses Phänomen wichtig. Die Engländer sagen „You can never make a second first impression“.

Mitmenschen, denen man zum ersten Mal begegnet, ordnen einem intuitiv Eigenschaften zu – und das machen sie entsprechend ihres ersten Eindrucks, ebenso andersherum.

Eine leichtere Frage beantworten

Auf die Frage „Wie beliebt wird der amerikanische Präsident bei den Europäern in sechs Monaten sein?“ haben wir in der Regel schnell eine Antwort, wenn wir gefragt werden. Selbstverständlich ist die tatsächliche Beantwortung der Frage ausnehmend schwer: Es könnten beispielsweise politische Krisen und Großereignisse eintreten oder der amerikanische Präsident könnte sein Verhalten ändern.

Im Regelfall passiert daher folgendes: Die komplizierte Frage wird durch eine ähnliche, aber leichtere Frage ersetzt. Mit Hilfe dieser vereinfachten Frage beantwortet man nun die eigentlich gestellte, wobei man aber außer Acht lässt, wie diese eigentlich genau lautete.

Im vorliegenden Fall würde also beispielsweise die Frage ersetzt werden durch diese einfachere: „Ist der amerikanische Präsident bei den Europäern aktuell beliebt?“. Diese Frage können wir schnell und ohne große Mühe beantworten. Wir bilden uns also intuitive Meinungen über komplexe Sachverhalte, wenn wir schnell eine Antwort auf vergleichbare, einfachere Fragen haben. Die entsprechende Antwort kann natürlich bei genauerer Betrachtung falsch sein.

Erinnern und Erleben

Wir sitzen aber nicht nur spontanen Fehlurteilen auf – auch unsere Erinnerung ist stark von Fehlurteilen geprägt. Auch hierzu beschreibt Kahneman ein eindrucksvolles Experiment:

Bei einer medizinischen Untersuchung erleiden Patienten Schmerzen. Während bei der ersten Gruppe die Untersuchung endet, während die Schmerzen am höchsten waren, wurde bei der zweiten Gruppe die Untersuchung noch eine Weile fortgeführt, jedoch dann mit einer geringeren Intensität und niedrigeren Schmerzen. Erstaunlicherweise hat in der Rückschau die erste Gruppe mit der kürzeren Untersuchung diese in schmerzvollerer Erinnerung. Unsere Erinnerung scheint geprägt zu sein von der höchsten Schmerzintensität und der Intensität am Ende, nicht aber von der Dauer und den tatsächlich über den gesamten Zeitraum erlittenen Schmerzen.

Endet ein Urlaub in einem Desaster, werden viele der schönen Momente in der Gesamtbetrachtung vernachlässigt. Unsere Erinnerung an den Urlaub ist dann von den wenigen negativen Momenten geprägt, während wir eigentlich viele schöne Erfahrungen gemacht hatten.

Ein Ausblick

Alles in Allem sollte Kahnemans Theorie der zwei Systeme uns darauf aufmerksam machen, dass wir die meiste Zeit doch eher unserem System 1 unterliegen. So können wir nun leicht erklären, warum wir uns bei der folgenden Übung so schwer tun:

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Unser System 1 ist so auf das Lesen von Wörtern trainiert, dass es uns spontan eine Lösung vorschlägt, die wir erst mühsam mit der Arbeit von System 2 überschreiben müssen.

Aber auch für unser tägliches Leben geben uns die Erklärungen von Kahneman zu System 1 und 2 Hilfestellungen: Kommt es also beispielsweise in einem Gespräch zu einem Missverständnis, sollte man sich zuerst darüber Gedanken machen, wie System 2 die Situation bewerten würde, bevor man intuitiv seinem Gegenüber seinen Standpunkt an den Kopf wirft.

Insgesamt hat sich Kahneman mit einer sehr breiten Vielzahl von solchen Effekten wie in den Abschnitten oben beschrieben beschäftigt. In einem weiteren, verwandten Schwerpunkt seiner Arbeit hat er sich aber auch beispielsweise intensiv damit auseinandergesetzt, warum Menschen Gewinne und Verluste unterschiedlich bewerten. Auch dieses Phänomen hat er durch seine Erklärungen des Systems 1 und 2 entschlüsselt und dafür den Nobelpreis für Wirtschaft 2002 erhalten.

 

Quellen

Daniel Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken; Siedler; 2011..

Süddeutsche Zeitung, 25. Mai 2012; Misstraue dem Vertrauten von Jens-Christian Rabe

https://de.wikipedia.org/wiki/Schnelles_Denken,_langsames_Denken

https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Kahneman

http://www.zeit.de/2012/21/L-P-Kahneman

Bilderverzeichnis:

Bild 1: http://www.patrickwagner.de/Illusion/OptischeTaeuschung011.html

Bild 2: http://www.illusionen.biz/blog/?page_id=1372

Bild 3: https://www.pinterest.de/pin/435371488957371090/

Bild 4: http://www.optikerschuetz.de/blog/optische-taeuschung-farben-und-texte

Dieser Beitrag wurde verfasst von Joana G. (Kurs 2016/2017).

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